Ein Facebookartikel schlug ein..

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Am 10.11.2018 war ich (wie so häufig) in Rumänien.
Folgender Artikel sorgte für viel Zuspruch.
Dafür möchte ich danken.
In Rumänien, in meinem “Einsatzgebiet”, bin ich natürlich auch schon mal am Rande ver Verzweiflung. Die Aufgaben lasten auf meinen Schultern und manchmal erdrückt einem die Last.
Herzlichst, ihr Markus Raabe

Der Artikel:

Manchmal tut es einfach nur weh...
Freunde beruhigen einen immer. "Ihr habt doch so viel erreicht in den letzten 10 Jahren"
Aber dennoch habe ich täglich diesen Klos im Hals. Ich bin jeden Monat in Rumänien. Mit meinem Kleinlaster bringe ich dann Sachspenden, Hufeisen und Medikamente in unsere Stationen.
Die Sachen werden dringend benötigt, jedes Mal.
Mit Stolz steure ich unsere rumänische Tierklinik an. Was ein Akt eine nonprofitale Tierklinik aus einer alten Rinderkolchose zu bauen. Tausende Arbeitstunden und viele zentausende Euro Spendengelder von netten Menschen.
Ich bekomme Angst wenn ich daran denke wie groß wir geworden sind. Vermutlich sind wir Europas größte Hilfsorganisation für Pferde. Zudem noch die Hundekastrationsklinik in Rumänien und das große humanitäre Hilfsprojekt für Kinder und notleidene Menschen in Extremarmut.
Ärztlich Hilfe für alle Tiere ohne Erwartung einer Gegenleistung, so wollte ich es damals haben. Heute sind wir viel weiter..
Heute beschäftige ich ein Team von 12 Experten und viele zusätzliche Fachkräfte. Wir sind Ärzte,Tierärzte und Hufschmiede. Wir sind mit unseren drei mobilen Tierarztpraxen jeden einzelnen Tag unterwegs. Oft können wir schnell und unkompliziert helfen. Zudem noch der soziale Dienst für die Kinder.
Die Verantwortung wiegt schwer. Ich bin jetzt 45 Jahre. Seit rund 12 Jahren dreht sich mein Leben nur um Tierschutz und Entwicklungshilfe für Menschen. Trinkwasser und Trinkwasser für Menschen verfügbar machen hat eine tiefe Bedeutung für mich. Das ist kein Zuckerschlecken. Die Tiere, die Freunde und die Familie geben einem Kraft. Letzteres ist aber auf der Strecke geblieben. Ich fühle mich wohl in Osteuropa, bewege dort etwas. Verringere Leid, bekämpfe Not. In Deutschland kommt dann der unangenehme Teil auf mich zu. Administrative Arbeit, Behörden, Spendenquittungen und wöchentlich ca 500 Emails, 25 Faxe und rund 60 Briefe per Post. Alle Fordern eine Antwort. Der Anrufbeantworter blinkt Tag und Nacht. Er fordert seine Entlehrung durch einen schrille Signalton. Darauf sind oft böse Stimmen. Manchmal werde ich beleidigt und beschimpft. Oftmals sind es aber Fragen zum Thema Sachspenden. Ich kann es nicht allen Recht machen und ich möchte es auch nicht allen Recht machen.
Meine Nacht wird zum Tag. Jede Nacht zwischen 23.00 und 3.00 Uhr sitze ich im Büro. Mit dabei ist Elfriede, ich liebe Sie, Sie fasst 1,5 Liter Wasser und brüht den besten Kaffee. In der Thermoskanne 
schmeckt er auch noch nach vielen Stunden gut. 
Wenn mich die Müdigkeit überkommt laufe ich draußen an der frischen Luft. Vier Hunde begleiten mich. Zwei davon sind aus Rumänien, sind mir irgendwie ins Auto gesprungen damals. 
"Damals" denke ich. 
Ich klatsche mir kaltes Wasser ins Gesicht und im Spiegel schaut mich ein alter Mann an. Graue Haare, Tränensäcke und mehr Falten als ein schottischer Wanderrock.
Zurück an meinem Schreibtisch angekommen klingelt das Telefon. Ich blicke auf die Uhr. es ist 1.43 Uhr Nachts. Der Anrufbeantworter übernimmt für mich. Die Stimme ist deutlich aber sehr alt. Ich kenne die Dame. Sie spendet viel Geld. Erst kürzlich 600.00 Euro. Aber eigentlich war es keine Spende. Denn Spenden sind ohne Erwartung einer Gegenleistung. Diese Dame erwartet aber so einiges von mir.
Sie möchte Unterhalten werden, wöchentlich. Und Sie möchte von niemanden anderen Unterhalten werden. Ich kann den gewünschten Service nicht bieten. Unsere Förderbriefe, die Zeitschriften und die Filme welche ich produziere reichen ihr nicht aus. Der Anrufbeantworter hat ein dickes Fell, er zeichnet die Beschimpfungen auf. Die Omi wird nun ihre Zahlungen einstellen.
Ich gehe ins Bett, bin verärgert und kann nicht schlafen. 6.00 Uhr, der Wecker klingelt und gegen 8.00 Uhr kommen die ersten Kunden. Unsere Hufbeschlagschmiede ist gut besucht und stets ausgebucht. 
Den Luxus in Rumänien monatlich ehrenamtlich arbeiten zu dürfen muss ich mir in Deutschland hart erarbeiten. 
Zurück zum Eigentlichen..
Auf dem Bild sehen Sie Vlad. Er ist 9 Jahre alt , sein Leben war es bisher nicht Wert als Leben bezeichnet zu werden.
Die Tierärzte stehen unter enormen Druck. Der Chef ist mit anwesend, sicherlich erwartet er Wunder von seinem Team. 
Nein, das erwarte ich nicht. Hier ist alles kompliziert. 
Kein Geld für Futter, Nichts zu Essen für die Kinder, keine Schule, keine Bildung, kein Job, keine Zukunft.
Mutter und drei Kinder stürmen auf uns zu. Mutti beginnt zu weinen. 
Sie freut sich. Sie sieht uns mit erwartenden Augen an und denkt das ihr Vlad morgen wieder gesund ist und arbeiten kann. Er muss mit einer Karre Brennholz aus dem Walt holen. Das ist derzeit das einzige Einkommen dieser Familie. Brennholz lässt sich verkaufen...
Ich frage nach dem Ehemann, möchte Wissen ob seine Sense defekt ist. Was gäbe es sonst für einen Grund kein einzigen Halm Heu für den Winter zu haben, wollte ich wissen.
Mein Mann ist im Himmel und wacht über uns, lautet die Antwort.
Ich beiße mir auf die Lippen. Die Frau ist abgemagert und laut meines Tierarztes erst 32 Jahre jung. Sie sieht aus wie sechzig denke, oder noch älter. 
Drei Kinder sind dabei, dünn , schmutzig, zerissene Kleidung.
Alle sind blass, graublass im Gesicht.
Ich möchte mir den Pferdestall anschauen. Doch es gibt keinen Stall. Der vorgefundene Schuppen ist das Wohnhaus. 
Das ganze Programm wartet auf mich. Kein Wasser, kein WC, kein Strom.
Die große Tochter ist 12 Jahre jung. Ich blicke in ein abgemagertes und hageres Gesicht. Die jüngste Schwester ist vor einem Jahr gestorben.
Ich denke über unsere EU nach. Über die vielen Vorteile und über die vielen Nachteile. Es ist unerträglich für mich wenn Menschen verhungern oder , wie in diesem Fall, an einer Infektion sterben. 
Ich denke über die ungerechte Verteilung nach. Ich bin definitiv kein Grüner und kein Linker, habe meine Probleme mit der der grünlinken Ideologie. Aber hier in Ostrumänien, hier im ärmsten Teil der EU, hier wo Kinder verrecken und es niemanden interessiert, hier wünschte ich Sarah Waagenknecht wäre bei uns. 
In Rumänien hat die Regierung nicht viel übrig für die extreme unterste Armutsbevölkerung. Ignorieren und verleumnden ist der gültige Plan.
Diese Menschen hier sind selbstversorger. Sie besitzen einen Garten aber kein Saatgut. Ein paar Kartoffeln gingen dieses Jahr auf. Der Rest vertrocknete, ebenso wie diese Frau mit ihren Halbwaisen, vertrocknet denke ich.
Mein Kopf explodiert, meine Zahnräder rattern hin und her. Es muss ein Plan her, ein guter Plan. Etwas nachhaltiges mit Wirkung...
Ich speichere die GPS Koordinaten ab um diesen Standort wiederzufinden. Heute ist erst der Beginn denke ich mir.
Ich suche das Gespräch mit meinem Tierarzt und frage ihn was hier los ist.
Was soll ich dir sagen Markus? Du kennst das Spiel, Witwe ohne Stellenwert, drei kranke Kinder, krankes Pferd und der Winter steht vor der Tür. Und siehst du hier irgendwo Feuerholz für den Lehmofen, fragt mich der Tierarzt.
Ich schweige, ich denke und versuche meine Tränen zu unterdrücken.
Ich denke an den schrecklich Winter vor einigen Jahren. Viele Menschen erfroren. Ich musste Kindersärge besorgen. Ich denke daran das ich doch nur ein Hufschmied bin und mein Ausbildungsbetrieb mich damals auf so etwas hier nicht vorbereitete. 
Ich denke an all die Gespräche mit Politikern in Deutschland, verschiedene Ministerien und Brüssel. Alles vergebene Mühe und verlorene Zeit. 
Entweder wir helfen jetzt, hier und heute, oder es macht niemand.
Rumänien ist immer noch ein Entwicklungsland und Nordostrumänien ist die bitterärmste Region in der EU. Hier ist sie nun, meine zweite Heimat. 
"Eine Lungenentzündung" ruft der Tierarzt mit zu. Es ist eine Lungenentzündung, das bekommen wir hin. 
Ich rufe in unserer Tierklinik an und fordere einen Abtrasport. 
Vlad wird nun abgeholt, versorgt und wird vermutlich in drei bis vier Wochen zurück gebracht. Dann ist er gesund und kräftig. Keine zufrieden stellende Sache denke ich zu mir selbst. Wenn er zurück kommt der der selbe Mist von vorne los. Aber ohne Pferd hat diese Familie keine Chance hier draußen. 
Ich denke an das Unternehmertum, muss einen Deal aushandeln.
Einen Tag später laufe ich gemeinsam mit unserem Sozialarbeiter bei der Familie erneut auf.
Die Frau erkundigt sich nach ihrem Pferd. "Bestens angekommen und gut versorgt" antwortet mein Sozi.
Wir teilen der Frau mit das wir sie sprechen müssen. Sie bittet uns in ihre Hütte. Die pure Armut ist unerträglich. Sie besitzen nichts, absolut nicht.
Unvorstellbar und unglaublich denke ich. Wie haben die bisher überlebt frage ich mich.
Keine Krankversicherung und eine staatliche Sozialhilfe existiert für dieses Region nur auf dem Papier.
Der Sozialarbeiter startet seine Maschine, seine Denkmaschine. Er ist geschult. Der rumänische studierte Experte ist hier aufgewachsen. Er ist mein persönlicher Schlüssel zu einer echten Veränderung. 
Mit seiner Hilfe bekomme ich Zugang zu den Menschen.
Schnell wird uns offenbahrt das kein Kind die Schule besucht. 
Keine ordentliche Kleidung und keinen Cent für Schulmaterial. Ein Mathematikbuch ist unbezahlbar für die Witwe. Seit dem Tod ihres Mannes geht es nur noch bergab. Gelandet ist man hier draußen in den Ghettos.
Wild gebaute Hütten aus Lehm und Kuhdung. Das ganze natürlich auf dem Land der Regierung. Ist aber egal, niemand interessieren diese Kinderseelen. Wen juckt es da schon wenn selbst waschechte EU-Kinder sich illegal im eigenen Land aufhalten.
Ich gehe zu meinem Auto und öffne den Kofferraum. Ich komme mit einem großen schweren Karton zurück. Darin ist ein Gaskocher und ein Topf. 16 Konserven, Reis, Mehl und Öl. Außerdem habe ich Bananen, Tomaten und Kiwis mitgebracht. Diese letzteren drei Nahrungsquellen geben Kraft und Ausdauer. Die Augen der abgeschundenen Familie glänzen. Sie trauen sich nicht mir in die Augen zu schauen. Ich schäme mich dafür. Ich schäme mich für meinen eigenen Wohlstand und ich schäme mich für das grausame Systhem in unserer EU. Ich gehöre zu den Starken, zu den Machern. Bin Unternehmer und habe Mitarbeiter. Es ist purer Luxus diese kleine Hilfsorganisation im Ausland vertreten zu dürfen, denke ich.
In meinem Hirn kommen die Zahnräder zur Ruhe. Ich werde nun versuchen ein Geschäft mit dieser Witwe abzuschließen. Dazu sollte man wissen, dass die rumänische Landbevölkerung ein stozes Volk ist. Almosen sind selten gewünscht. Geschäfte sind dagen gern willkommen.
Aber zunächst nehme ich die Bananen und stecke diese in die Hände der Kinder.
Schmutzige Hände strecken sich mit entgegen. Ausgehungerte Mäuler und Augen starren mich an. Die Kinder essen und ich bin glücklich.
Ich beginne zu reden. Die Frau blickt weiter auf den Lehmboden der Behausung. Sie hat Angst vor mir. Mein Sozi beginnt zu übersetzen.
" Danke das Sie uns hier empfangen haben. Wir möchten dafür sorgen das es ihrem Pferd künftig besser geht. Daher möchten wir ihnen ein Geschäft vorschlagen. Sie produzieren sobald möglich Heu
mit ihrer Sense. Im Frühjahr bestellen Sie ein Stück Land, wir liefern Gerätschaften und Saatgut. Unser bestreben ist es Sie auf ihre eigenen Beine zu stellen. 
Ab sofort rutschen Sie mit ihren Kindern in unser Notprogramm. Sie erhalten Grundnahrungsmittel, Kleidung, Schulartikel und den Zugang zu einer medizinischen Versorgung. Ihr Teil ist es alles daran zu setzen das ihre Kinder die Schule besuchen und eine faire Chance für Leben erhalten. Zudem muss das Pferd besser versorgt werden. Unsere Tierärzte werden Vlad nun regelmäßig besuchen wenn er wieder hier ist. Außerdem wird mein Sozialarbeiter nun jede Woche hier vorbeischauen und auch mit den Lehrern sprechen."
Die Witwe ist natürlich überglücklich und hat nun eine Perspektive den Winter unbeschadet zu überstehen.
Auf uns wartet Arbeit ohne Ende. Wir müssen einen Stall für Vlad bauen und die Kinder in die Schule schaffen. Banalste Dinge werden zum Problem. ZB eine fehlende Waschgelegenheit....
Stall bauen, Heu herbei schaffen, Waschschüssel kaufen und einen Riesenkessel für heißes Wasser. Ein Plumsklo zimmern und die Füße ausmessen. Denn Schuhe müssen die Kinder nun tragen in der Schule.
Ich bin nun fast auf dem Rückweg nach Deutschland. 
Übermorgen geht es los. Die Fahrt mit dem Kleinlaster ist anstrengend. Ich fahre zwei Tage nur um Rumänien komplett zu durchqueren. Dann folgt Ungarn, Österreich und letztendlich dann noch 750 km durch Deutschland.
Jedes Mal habe ich so um die 8-9TKM auf der Uhr.
Es ist jetzt 6.00 Uhr Morgens hier in Ostrumänien. Ich essen jetzt 5 Tomaten, eine Banane und eine Kiwi. Das gibt mir Kraft. Heute werden wir unzählige Pferde entwurmen. Ein neuer Tag mit neuen Situationen und neuen Tränen. Tränen schmecken salzig, egal wo.
Zwei Wochen nach erscheinen meines Berichtes bin ich bereits wieder in Ostrumänien. 
Ich stelle dies nun bei Facebook ein um mich bei allen Menschen zu bedanken welche an meiner Schulter stehen.
In der Tierklinik werde ich Vlad gleich ein paar Möhren spendieren. 
Und dann fährt der Tross erneut los und taucht in die Ghettos der EU ein.
Danke an Alle welche helfen, Gruss aus Rumänien. MR